IGeL-Leistungen – Test und Ratgeber

Juli 21, 2016 2 Comments »

Beim Arztbesuch ist ein gewisses Grundvertrauen wichtig, denn schließlich muss sich der Patient auf Diagnose und Behandlung verlassen können. Zählen jene Leistungen nicht mehr zu denjenigen, welche die Krankenversicherung übernimmt, spricht man im Fachjargon von individuellen Gesundheitsleistungen oder kurz: IGeL. Deren Nutzen ist umstritten. Einige davon sind durchaus sinnvoll, andere nicht siehe Test.

Was sind IGeL-Leistungen?

Grafik zu IGeL-LeistungenHierbei handelt es ich um medizinische Zusatzleistungen, welche über die sogenannte Grundversorgung hinausgehen. Grundsätzlich verweigern viele Krankenkassen die Zahlung dieser Leistungen, weil sie aus Sicht des MDS “nicht notwendig sind”. Gleichzeitig gibt es jedoch Programme, die durchaus sinnvoll sind. Auch in diesen Fällen sind die Gesetzlichen nicht zur Kostenübernahme verpflichtet, zahlen diese wenn nur auf freiwilliger Basis. Ein Großteil der Untersuchungen ist jedoch entweder wirkungslos, oder der Nutzen ist nicht erwiesen. Der aufgeklärte Patient könnte nun antworten: „gut, es zwingt ja niemand die Menschen, diese Leistungen in Anspruch zu nehmen.“ Das stimmt – wären da nicht einige schwarze Schafe unter den Ärzten.

Der Arzt als Verkäufer

Jedes Jahr verdienen Ärzte in Deutschland etwa eine Milliarde Euro mit dem Verkauf dieser Zusatzleistungen. Diese sind, das sei noch einmal gesagt, nicht alle nutzlos. Fragen werfen jedoch die Praktiken auf, die einige Vertreter der Ärzteschaft an den Tag legen. In der Praxis läuft es häufig so ab, dass dem Patienten schon beim Empfang oder im Wartezimmer durch die Arzthelferinnen diverse Angebote vorgelegt werden, in denen die IGeL-Leistungen verkauft werden. Dies geschieht häufig bevor ein Arzt überhaupt eine Diagnose gestellt, oder auch nur die Krankheit im Detail bekannt ist. Führend in dieser Kategorie sind hierzulande Augen- und Frauenärzte, aber auch Hautärzte und Orthopäden kommen nicht gut weg. Deutlich besser machen es die einfachen Hausärzte – also genau diejenigen Personen, denen man im Ernstfall noch am meisten Vertrauen schenkt. Offenbar ist dies auch berechtigt.

Welche IGeL-Leistungen sind sinnvoll?

Etwa 75 % aller Patienten welche auch IGeL-Leistungen nutzen, fühlen sich nicht ausreichend informiert, nicken leider jedoch zu häufig die Empfehlung Ihres Arztes ab. Ein Blick auf die Effektivität der Leistungen fällt nicht unbedingt gut aus. Das Ergebnis ist erschütternd, wenn man sich gleichzeitig die angebliche Dringlichkeit vor Augen führt, die einige Ärzte ihren Patienten erläutern. Sinnvoll laut Test des MDK sind die Lichttherapie bei Depressionen, die Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne sowie die Stoßwellentherapie bei Fersenschmerz. Auch Schutzimpfungen vor Auslandsreisen in bestimmte Länder sind in ihrem Nutzen unumstritten. Um Eierstockkrebs frühzeitig zu erkennen, empfehlen einige Ärzte beispielsweise eine Ultraschalltherapie. Es gibt jedoch gar keinen Hinweis auf einen Nutzen, die Treffsicherheit ist ohnehin gering. Außerdem kommt es häufig zu Fehlalarmen oder sogar leichten Schäden am Gewebe. Es ist schwer vorstellbar, dass ein seriöser Arzt unter diesen Umständen zu dieser Form der Früherkennung raten würde.

IGeL-Leistungen im Test

Der MDS vergibt bei 41 getesteten Leistungen nur drei Mal die Wertung „tendenziell positiv“. Einen Überblick über sinnvolle und nicht sinnvolle Leistungen gibt der folgende Test. Die Liste enthält 13 häufig genutzte IGeL-Leistungen.

IGel-Leistung
Nutzen erwiesen
unklar
nutzlos
Begründung
Lichttherapie bei bestimmten Depressionen
X
durch einige Studien belegt
Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne
X
durch zahlreiche Studien belegt
Stoßwellentherapie bei Fersenschmerz
X
durch zahlreiche Studien belegt
spezielle Impfungen vor Fernreisen
X
praktischer Nutzen unumstritten
professionelle Zahnreinigung, insbesondere bei Parodontose
X
keine zuverlässigen Studien
Früherkennung von Prostatakrebs mit PSA-Test
X
Datenlage zum Nutzen widersprüchlich
MRT zur Früherkennung von Alzheimer
X
keine zuverlässigen Studien
Brustkrebs-Früherkennung durch Ultraschall
X
kein Ersatz für Mammografie
operative Behandlung des Schnarchens
X
mehr Nebenwirkungen als Nutzen
Ultraschall der Eierstöcke zur Früherkennung von Eierstockkrebs
X
keine Hinweise auf einen Nutzen, zudem falsche Diagnosen
Messung des Augeninnendrucks zur Glaukom-Früherkennung
X
keine zuverlässige Diagnose möglich
X
mehr Schaden als Nutzen, da Blutungen im Darm möglich
Bestimmung des Immunoglobulin G bei möglicher Nahrungsmittel-Unverträglichkeit
X
laut Studien keine Hinweise auf einen Nutzen

Quellen

igel-monitor.de
test.de

Ihre Rechte als Patient

Patienten können sich „wehren“ oder zumindest selbst helfen. Die folgenden Rechte stehen Ihnen zu:

  • Sinn erklären: jeder Arzt ist verpflichtet dazu, den Sinn der IGeL-Leistung zu erklären. Nachfragen lohnt sich also immer. Kommt keine sinnvolle Antwort, sollte der Patient auch keine Leistungen in Anspruch nehmen (mit anderen Worten: nicht selbst bezahlen).
  • Allein der Arzt darf verschreiben: das Beispiel aus dem Wartezimmer, in dem Patienten bereits die ersten Formulare unterschreiben zeigt, dass diese Praxis entweder illegal ist, oder sich zumindest in einer Grauzone bewegt. Das medizinische Hilfspersonal weiß in der Regel nicht über den genauen Gesundheitszustand eines Patienten Bescheid – wie sollten diese Personen also zusätzliche Untersuchungen anordnen können?
  • Zeit für Entscheidung: der Arzt darf dem Patienten nicht „schnell etwas unterjubeln“. Jedem Patienten muss die notwendige Zeit beigemessen werden, um eine Entscheidung zu treffen. „Unterschreiben Sie einfach hier, am besten jetzt gleich, sonst…“: Aussagen wie diese drängen den Patienten, Leistungen in Anspruch zu nehmen, die er oder sie vielleicht nicht braucht. Ein Arztwechsel wäre dann empfehlenswert.
  • Verständliche Erklärung: jeder Patient sollte auf einer verständlichen Erklärung der IGeL-Leistung beharren. Einige Ärzte flüchten sich in medizinisches Fachjargon, das die meisten Patienten nicht verstehen. Nach dem Motto „das klingt beeindruckend, das muss helfen“ soll damit suggeriert werden, dass es sich um eine sicherlich wirksame Therapie handelt, die der Patient am Ende aber selbst bezahlt. Patienten sollten somit verlangen, eine auch ohne Medizinstudium verständliche Darlegung der Vorteile der Untersuchung zu erhalten.
  • Beratung ohne Druck: Druck, der durch eine Verkettung mit anderen Leistungen entsteht, darf ebenfalls nicht entstehen. Einige Ärzte erzeugen eine Abhängigkeit von der Zusatzuntersuchung, indem sie beispielsweise sagen: „Sie müssen diese Leistung schon annehmen, denn sonst können wir mit Ihrer Behandlung nicht fortfahren.“ Es handelt sich stets nur um Zusatzleistungen, welche die eigentliche Behandlung in keiner Weise beeinflussen sollte. Mit anderen Worten: diese Aussage eines Arztes wäre eine Lüge.
Tipp: Kassenleistung statt IGeL – erkundigen Sie sich entweder direkt beim Arzt oder später bei Ihrer Krankenkasse, ob es für die empfohlene IGeL-Leistung eine vergleichbare Kassenleistung gibt. Oft verschweigen Ärzte, wenn die Krankenkasse eine Leistung ganz oder teilweise übernimmt, da mit der IGeL-leistung mehr Geld zu verdienen ist. Auch bieten Kassen einige freiwillige Zusatzleistungen. Z.b. wird die professionelle Zahnreinigung häufig entweder ganz oder teilweise übernommen, oder dem Patienten später erstattet.

Welche Krankenversicherung zahlt was?

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen die Zusatzleistungen grundsätzlich nicht, da sie über die so genannte Grundversorgung hinausgehen. Jedoch bieten viele Kassen eine Kostenübernahme für die Behandlungen freiwillig an. Das wird jedoch von jeder Versicherung individuell festgelegt, und muss vom Patienten im Einzelfall erfragt werden. Private Krankenzusatzversicherungen bieten grundsätzlich eine Kostenübernahme für Untersuchungen an, welche die gesetzliche Krankenversicherung nicht bezahlt. Gute Policen decken zwischen 80- und 100% der Kosten ab. Das Gleiche gilt für die private Krankenversicherung. Die Kostenübernahme ist jedoch vom gewählten Tarif abhängig. Vollversicherungstarife zahlen viele Untersuchungen zum Grossteil oder komplett. Anders verhält es sich beim PKV-Standardtarif. Hier erfolgt meist nur eine 50-80 prozentige Kostenerstattung. Es bleibt also ein hoher Eigenanteil. Patienten mit dem PKV-Basistarif erhalten dieselben Leistungen wie gesetzlich Versicherte. Ob und in welchem Umfang Ihre private KV oder Zusatzversicherung die jeweilige Behandlung übernimmt, sollte im Vorfeld abgeklärt werden.

Neutrale Anlaufstelle

Wer sich unabhängig über die (Un-)Wirksamkeit der IGeL-Behandlungen informieren möchte, versucht dies am besten über www.igel-monitor.de. Die vom MDS ins Leben gerufene Webseite hab es sich zur Aufgabe gemacht, die diversen Leistungen des IGeL-Programms auf ihre Wirksamkeit hin zu hinterfragen. Der Monitor arbeitet dabei sehr transparent und gibt beispielsweise Auskünfte über die Methodik, das Bewertungssystem, die genutzten Datenquellen und wie die vorliegenden Informationen ausgewertet werden.

Wer profitiert wie?

Auch die Interessen der einzelnen Lobbys stehen im Blickpunkt: Wie profitieren Ärzte, die Krankenkassen oder auch die Politik von IGeL? Wer sich umfassender über die Leistungen informieren möchte, welche IGeL letztendlich erbringt (oder auch nicht), ist mit dieser Webseite gut beraten.

Vertrauen in den Arzt nicht vergessen

Abschließend soll dieser Artikel aber auch kein zu düsteres Bild der Ärzteschaft zeichnen. Wer seinem Arzt bereits seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten vertraut, und sich noch nie falsch behandelt gefühlt hat, sollte auch dessen empfohlene Behandlungen in Anspruch nehmen – denn möglicherweise funktionieren sie. Schwarze Schafe gibt es auch in den größten Herden immer wieder, aber das heißt nicht, dass alle Schafe diesem Beispiel folgen. Ist die Wirksamkeit bewiesen, und bestätigen auch die eigenen Recherchen über den IGeL-Monitor die Wirksamkeit, spricht nichts gegen diese Leistungen.

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2 Comments

  1. Harald 7. Dezember 2016 at 13:36 - Reply

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    es wäre Klasse wenn Sie Ihre Liste ergänzen/korrigieren würden, suggeriert sie doch, dass die Glaukomvorsorge keine sinnvolle IGeL-Leistung sei.

    Die AugenInnenDruckmessung in Kombination mit Papillenbeurteilung und Gesichtsfelduntersuchung ist durchaus eine sinnvolle IGeL-Leistung, die aus der Erfahrung hohen Nutzen für viele Beteiligte/Betroffene brachte.

    Die alleinige Augeninnendruckmessung im Sinne der Glaukomvorsorge wird hoffentlich von keinem Kollegen so angeboten, kann aber durchaus zielführend sei, soweit die Augeninnendruckwerte die Norm klar überschreiten (das Normaldruckglaukom würde in diesem Fall ohne Papillenbeurteilung und Gesichtsfelduntersuchung freilich “übersehen” werden).

    Zusammengefasst: Augeninnendruck plus Papillenbeurteilung plus Gesichtsfeld und bestenfalls: Sehnervkopfvermessung
    sind in der Kombination durchaus ratsam und erlauben die Früherkennung.

    Beste Grüsse

    Harald L.

    • admin 12. Dezember 2016 at 12:44 - Reply

      Sehr geehrter Herr L,

      gerne können wir unsere Übersicht der IGeL-leistungen ergänzen oder korrigieren. Können Sie eine wissenschaftliche Quelle, bzw. eine durchgeführte Studie nennen, in der die von Ihnen genannten Untersuchungen oder deren Kombination Vorteile bringt?

      Mit freundlichen Grüßen
      Die Redaktion

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