Kalte Progression

Mehr brutto, aber trotzdem weniger netto in der Tasche? Hört sich komisch an, ist es aber leider nicht. Viele Gehaltserhöhungen bringen Arbeitnehmern nichts – bedingt durch höhere Steuersätze und die Inflation.

Was ist die steuerliche Progression?

Die Progression in der Einkommensteuer ist zunächst nichts Schlechtes. Wer mehr verdient, soll mehr zum Gemeinwohl beitragen, und deshalb mehr Steuern zahlen. Mit zunehmendem Einkommen steigt der Steuersatz, also der Anteil der Einkommensteuer am Bruttogehalt. Somit soll die Progression eigentlich für mehr Gerechtigkeit sorgen.

Die kalte Progression einfach erklärt

Unter dem Begriff kalte Progression versteht man die oben erwähnte steuerliche Progression in Verbindung mit der Inflation. Der Steuer-Anteil am Einkommen steigt, ohne auf die Inflation Rücksicht zu nehmen. In der Folge sinkt die Kaufkraft des Einkommens, es bleibt „real“ weniger netto übrig.

Der Ursprung des Problems liegt darin, dass die Bezugsgrößen der Einkommensbesteuerung von den Finanzbehörden lange Zeit nicht an die Inflation angepasst wurden. So erhalten viele Arbeitnehmer im Ergebnis Gehaltserhöhungen, die Ihnen jedoch faktisch nichts oder nicht viel nützen. Zwar steigt das Bruttogehalt um den entsprechenden Betrag an. Jedoch reicht die Lohnerhöhung (wenn überhaupt) lediglich aus, um die höhere Besteuerung sowie den Kaufkraftverlust durch die Inflation auszugleichen.

Beispiel mit Berechnung

Herr Schneider (ledig, keine Kinder, Steuerklasse 1) verdient 2.200 Euro brutto im Monat. Laut unserem Brutto Netto Rechner bleiben ihm netto ca. 1.483 Euro übrig. Von seinen Abzügen entfallen rund 263 Euro auf die Einkommensteuer. Er bekommt nun eine Brutto-Gehaltserhöhung in Höhe von 150 Euro. Der Steueranteil steigt jetzt auf 302 Euro an. Dies liegt auch am höheren Steuersatz, bedingt durch sein höheres Einkommen. Netto bleiben ihm nun rund 1.562 Euro, das sind 79 Euro mehr als vorher. Jetzt kommt noch die Inflation hinzu, welche in Deutschland meist um die 2 Prozent pro Jahr beträgt. Das heißt: die Kaufkraft seines Netto sinkt hierdurch um 31 Euro (2 Prozent von 1562 Euro), und beträgt nun 1.531 Euro. Im Ergebnis bleiben Herrn Schneider von seiner 150 Euro-Gehaltserhöhung lediglich 48 Euro übrig.

Wer ist davon betroffen?

Am meisten betroffen sind Bezieher kleinerer und mittlerer Einkommen. Je kleiner das Gehalt, desto mehr Anteil hat die Progression an einer zusätzlichen Steuerbelastung, siehe Grafik unten. So entfallen laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln bei einem Jahreseinkommen von 20.000€, einer Gehaltssteigerung von 2,9% und einer Inflationsrate von 2% allein 36% der Mehrbelastung auf die progressive Besteuerung. Umgekehrt verringert sich bei steigenden Einkommen der Anteil der progressionsbedingten Steuern.

Die kalte Progression bei verschiedenen Einkommenshöhen

Inwieweit bin ich selbst betroffen?

Inwieweit betrifft mich die kalte Progression selbst? Wie viel mehr Netto bleibt mir bei einer Gehaltserhöhung? Rechnen Sie mit unserem Einkommensteuerrechner gerne selbst nach (kostenlos und anonym). Vergessen Sie nicht, im Anschluss 2 Prozent von Ihrem Netto abzuziehen.

Das Steuersystem ist ungerecht

Die progressive Besteuerung macht unser Steuersystem ungerecht. So profitieren von Gehaltserhöhungen in erster Linie Einkommensbezieher, die ohnehin schon recht viel verdienen. Bezieher kleinerer Einkommen haben meist lediglich mehr Brutto auf dem Lohnzettel stehen, jedoch effektiv nicht mehr Netto im Geldbeutel. Eine Lohnerhöhung muss im unteren Lohnsegment somit sehr üppig ausfallen, damit der Arbeitnehmer einen Effekt verspürt. Die Bundesregierung weigert sich bislang den „Steuerklau, zu korrigieren, da dem Finanzministerium hiermit willkommene Zusatzeinnahmen beschert werden.

Quellen und weiterführende Seiten zum Thema
  • Beitrag mit Grafik zur Progression vom Institut der Deutschen Wirtschaft iwd.de
  • Kalte Progression auf wikipedia.de

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