Steuernachzahlung – was tun, wenn das Finanzamt mehr Geld fordert?

Juni 14, 2017 No Comments »

Wer eine Steuererklärung abgibt, hofft meist auf eine Rückerstattung. In manchen Fällen fordert das Finanzamt jedoch zusätzliches Geld vom Steuerzahler ein. Während Selbständige das Prozedere kennen, kommt für Arbeitnehmer ein solcher Bescheid eher überraschend. Wir erläutern, wie es zu einer Nachzahlung kommt, und was zu tun ist.

Warum muss ich Steuern nachzahlen?

Insgesamt müssen nur wenige Steuerpflichtige eine Nachforderung des Finanzamts befürchten. Nur bestimmte Personengruppen leben mit dem Risiko, dass der Staat sich mit einer nachträglichen Forderung an sie wendet.

Grundsätzlich gilt: zu einer Steuernachzahlung kommt es immer dann, wenn im vergangenen Abrechnungszeitraum zu wenige Steuern an das Finanzamt abgeführt wurden.

Ledige Menschen, die nur bei einem einzigen Arbeitgeber beschäftigt sind, müssen ebenso wie viele weitere Personengruppen i.d. Regel keine Steuern nachzahlen. In diesem Fall wird die Steuer monatlich bereits vom beschäftigenden Unternehmen an das Finanzamt abgeführt. Das bedeutet, dass sämtliche generierten Einnahmen durch die monatlich vom Lohn einbehaltenen Abschläge bereits korrekt versteuert wurden. Anders stellt sich die Sache dar, wenn im abgelaufenen Steuerjahr keine oder nicht genügend „Zahlungen“ an das Finanzamt geleistet wurden. Zu solchen steuerlich komplizierten Situationen kommt es z.B. dann, wenn unterschiedliche Einnahmequellen für den Lebensunterhalt in Anspruch genommen werden.

Wann erfolgt eine Nachzahlung? (5 Beispiele)

Die Pflicht zur Abgabe einer Steuererklärung ist ein guter Indikator, um das Risiko auf eine Steuernachzahlung zu beurteilen. Der Staat hat ausschließlich jene Personengruppen von der Abgabepflicht befreit, die unter keinen bekannten Umständen zu wenig Steuern zahlen würden. In diesen Fällen ist die Abgabe der Erklärung freiwillig, da sie häufig zu einer Steuerrückerstattung führt. Anders stellt sich die Situation bei folgenden Personen dar:

Bei mehreren Einkunftsarten

Sämtliche Personen, die zusätzlich zu ihrem Arbeitslohn noch weitere Einkünfte erzielen (siehe Einkunftsarten), haben unter Umständen einen zu geringen Steuerbetrag abgeführt. Diese Situaution ist gegeben, wenn die zusätzlichen Einkünfte einen Wert von 410 Euro im Jahr überschreiten. In der Praxis wird diese Grenze häufig durch den Bezug einer Rente oder Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung erreicht.

Vermietet z.B. ein unbefristet beschäftigter Arbeitnehmer daher ein Zimmer in seinem eigenen Haus, und erwirtschaftet gerade einmal 50 Euro im Monat, so ergibt sich ein zusätzliches Einkommen von 600 Euro im Jahr. Hier ist mit einer Steuernachzahlung zu rechnen, wenn nicht bereits Vorauszahlungen an das Finanzamt abgeführt wurden.

Bei Wahl der Steuerklassen 3 und 5

Weiterhin müssen auch verheiratete Menschen mit einer Nachforderung rechnen, wenn sie sich für die Steuerklassen drei und fünf entschieden haben. In der Praxis lohnt sich die Wahl dieser Steuerklassen nur dann, wenn ein Partner mehr als 60 Prozent des Gesamteinkommens verdient. Dabei kann jedoch die tatsächliche Verteilung des Einkommens nicht im Vorfeld steuerlich berücksichtigt werden. Darüber hinaus entsteht bei der Berechnung der abzuführenden Lohnsteuer ein Problem. Die zu zahlende Lohnsteuer wird anhand der Splittingtabellen in Abhängigkeit vom Gesamteinkommen eines Paares errechnet. Das beschäftigende Unternehmen darf die zur Berechnung benötigten Daten jedoch nicht erheben. Deshalb versteuert es den Lohn des Beschäftigten ohne Berücksichtigung des Einkommens seines Ehepartners. Aufgrund dieses „Rechenfehlers“ ist eine Steuernachzahlung häufig nicht zu vermeiden.

Betroffene können in diesem Fall eine regelmäßige Vorauszahlung mit dem Finanzamt vereinbaren, oder die Steuerklasse wechseln.

Bei Steuerklasse 4 mit Faktorverfahren

Eine ähnliche Situation liegt bei Paaren vor, die eine Besteuerung mit Steuerklasse 4 und Faktor gewählt haben. Dabei ermittelt das Finanzamt einen Faktor, der kleiner als eins ist und drei Nachkommastellen besitzt, um die annähernd korrekte Lohnsteuer zu ermitteln. Dieser wird schließlich in die Lohnsteuerkarte eingetragen, und dem Unternehmen mitgeteilt. Da jedoch auch in diesem Fall aufgrund von Runden oder Änderungen im Laufe des Jahres keine korrekte Besteuerung gegeben sein kann, muss der Betroffene häufig Steuern nachzahlen.

Bei der Nutzung von Freibeträgen

Zu einer Nachzahlung kann es auch kommen, wenn bereits im Vorfeld vom Finanzamt ein Freibetrag in der Lohnsteuerkarte eingetragen wird. Dieser richtet sich meist nach den Fahrtkosten zur Arbeit oder den Kinderbetreuungskosten. Jedoch können sich auch hier viele Einflüsse im Laufe des Jahres ändern, sodass nur in wenigen Fällen ein korrekter Freibetrag eingetragen werden kann. Dadurch ist eine zu hohe Steuervergünstigung möglich, die schließlich in einer Nachforderung des Finanzamts endet.

Mehrere Arbeitgeber

Letztlich sind vor allem Selbstständige und Arbeitnehmer, die bei mehreren Arbeitgebern arbeiten, von Steuernachzahlungen betroffen. In diesen Fällen ist grundsätzlich keine korrekte Berechnung der Steuerschuld im Vorfeld möglich, sodass meist deutlich zu wenig gezahlt wird. Aus diesem Grund sind beide Personengruppen stets zur Abgabe der Steuererklärung verpflichtet.

Was ist der Progressionsvorbehalt?

Definition: Der Begriff Progressionsvorbehalt bedeutet, dass durch den Bezug eigentlich steuerfreier Leistungen das Gesamteinkommen des jeweiligen Haushalts steigt, und somit ein höherer Steuersatz angewendet werden muss. In der Regel führt dies dazu, dass mehr Steuern gezahlt werden müssen.

Neben den o.g. genannten Beispielen können auch durch den Progressionsvorbehalt Steuernachzahlungen auf die Betroffenen zukommen. Jedes Jahr sind insbesondere junge Mütter sehr erbost über diese Feinheit des deutschen Steuerrechts, da sie teilweise zu unerwarteten Nachzahlungen von über 1.000 Euro führt. Grundsätzlich ist in Deutschland der Bezug von Sozialleistungen gemäß § 32b des Einkommensteuergesetzes nicht steuerpflichtig. Dabei ist im Gesetz eindeutig geregelt, dass unter anderem die Erträge aus Krankengeld, Arbeitslosengeld und Elterngeld nicht versteuert werden müssen. In der Praxis ist dies jedoch nicht vollständig gegeben, da Sozialleistungen durch die Progression in vielen Fällen indirekt besteuert werden.

Was tun bei einer Steuernachzahlung?

In den meisten Fällen kommt eine Steuernachzahlung für die Betroffenen unerwartet. Das Finanzamt ist jedoch neben den Krankenkassen einer der unangenehmsten Gläubiger in Deutschland. Aus diesem Grund ist eine hohe Nachzahlung in den meisten Fällen existenzbedrohend. Kommt es zu einer unerwarteten Steuerforderung, sollten Betroffene in jedem Fall erst einmal Ruhe bewahren. Darüber hinaus sollte schnell gehandelt werden. Denn grundsätzlich steht nicht viel Zeit zur Verfügung, um die Schuld zu begleichen.

Steuerbescheid gründlich lesen

Als Erstes sollte der beigefügte Steuerbescheid gründlich gelesen werden. Ebenso wie Steuerpflichtigen Fehler bei Anfertigung der Steuererklärung passieren, unterlaufen auch Mitarbeitern des Finanzamts regelmäßig Fehler bei der Prüfung der Bescheide. Aus diesem Grund lohnt sich in den meisten Fällen die Überprüfung der Forderung durch einen Steuerberater.

Finanzierung sicherstellen

Während der Bescheid überprüft wird, sollten sich Steuerpflichtige schnellstmöglich um die Finanzierung der Nachzahlung kümmern. Selbst wenn sich herausstellt, dass der Steuerbescheid fehlerhaft war, so muss die Forderung des Finanzamts dennoch zunächst beglichen werden. Durch einen berechtigten Widerspruch verschiebt sich die Zahlungsfrist für Forderungen des Finanzamts in Deutschland erst mal nicht. Bei einem Einspruch muss eine ausführliche schriftliche Begründung vorgelegt werden, die im Idealfall mit zusätzlichen Belegen und Verweisen auf finanzgerichtliche Urteile untermauert wird.

Zinsen beachten

Unabhängig davon ob der Bescheid korrekt ist, sollten Betroffene daher in jedem Fall pünktlich zahlen. Ein Einspruch lohnt sich aktuell in jedem Fall. Bei einer Nachzahlung fordert das Finanzamt nicht nur die Steuerschulden, sondern ebenfalls Zinsen in Höhe von sechs Prozent pro Jahr ein. Mit der Unterstützung eines Steuerberaters kann dieser oft auf marktübliche zwei Prozent gesenkt werden.

Fristen beachten

Um teure Konsequenzen zu vermeiden, sollten bei einer Steuernachzahlung sämtliche Fristen auf den Tag genau beachtet werden. Dabei ist vor allem der Beginn der Frist von großer Bedeutung. Dies ist jeweils der Tag, an dem der Steuerbescheid verschickt wurde, nicht jedoch der Tag des postalischen Zugangs. Sowohl für die Nachzahlung als auch für den Einspruch wird Steuerpflichtigen eine Frist von insgesamt einem Monat gewährt. Sowohl das Datum des Fristbeginns als auch des Fristendes sind in der Regel auf dem Bescheid vermerkt.

Kein Geld für Nachzahlung – was tun?

Selbstständige können bei einer hohen Steuernachzahlung eine Herabsetzung der Steuervorauszahlung beantragen. Auf diese Weise senkt sich die Steuerlast in den meisten Fällen bereits erheblich. Arbeitnehmer können an der Höhe der zu leistenden Steuern jedoch zu diesem Zeitpunkt nichts mehr ändern. Wer seine Steuern bis zum Ende der gewährten Frist nicht bezahlen kann, sollte sich mit dem Finanzamt in Verbindung setzen. Die Abgabenordnung sieht für diese Situation mehrere Möglichkeiten vor, wie mit Steuerschulden umzugehen ist. Eine Stundung der Steuerschuld ist immer dann möglich, wenn die Zahlung für den Schuldner eine „erhebliche Härte“ darstellen würde. Bei einem Aufschub handelt es sich um eine gewöhnliche Ratenzahlung der Steuerschulden. Diese wird jedoch nur im Ausnahmefall gewährt, wenn eine Vollstreckung droht. In Einzelfällen ist jedoch auch ein vollständiger Erlass der Steuerschuld möglich.

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